00:00:00: Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Folge von Außersehen.
00:00:04: Autorin.
00:00:04: Schön, dass ihr wieder da seid!
00:00:07: Heute möchte ich über eine Frage sprechen die in meinem Kopf immer wieder auftaucht.
00:00:12: Meistens genau dann wenn mein Manuskript seit Tagen geschlossen ist und stattdessen wösche sortiere, Termine organisiere oder einfach nur versuche den Alltag zu überleben.
00:00:22: Bin ich eigentlich noch AutorInn, wenn ich gerade kaum schreibe?
00:00:26: Vernünftig betrachtet ist die Antwort natürlich ja.
00:00:29: Ich habe Bücher geschrieben, ich habe Büchern veröffentlicht.
00:00:32: Meine Geschichten verschwinden nicht plötzlich nur weil ich eine Weile nicht am Laptop sitze aber mein Kopf ist da nicht immer so vernünftig.
00:00:40: Mein Kopf sieht ein ungeöffnetes Dokument und sagt Aha!
00:00:46: Das war es dann wohl.
00:00:47: Karriere beendet, Kreativität verschwunden.
00:00:51: Autoren den Ausweis bitte vorne am Schalter abgeben.
00:00:54: Dabei gibt es diesen Ausweis gar nicht.
00:00:56: Zum Glück!
00:00:57: Ich würde ihn vermutlich sowieso irgendwo hinlegen und später nicht mehr wiederfinden, aber das Gefühl ist halt trotzdem da.
00:01:04: Denn schreiben ist für mich nur... Nicht nur etwas dass ich tue Es ist ein Teil davon wer ich bin.
00:01:10: Ich denke in Geschichten.
00:01:12: Ich beobachte Menschen und frage mich wie eine Figur in derselben Situation reagieren würde?
00:01:18: Ich höre einen Satz und denke den muss ich mir merken.
00:01:22: Ich merke ihn mir natürlich nicht.
00:01:23: Aber die Absicht war da!
00:01:25: Wenn ich dann längere Zeit nicht schreibe, fehlt mehr etwas – Nicht nur das Ergebnis, nicht nur eine fertige Seite sondern dieses Eintauchen Diese Welt im Kopf Die Figuren, die plötzlich wieder lebendig werden Und gleichzeitig fehlt mir gerade oft die Kraft dafür.
00:01:42: Das ist das Gemeine.
00:01:43: Ich möchte schreiben, ich habe die Ideen, ich weiß teilweise sogar was passieren soll aber mein Kopf sagt wir können heute höchstens die Datei öffnen und ein bisschen traurig anschauen.
00:01:54: mehr ist heut nicht drinne Und dann öffne ich sie!
00:01:58: Das Dokument schaut mich an, ich schaue zurück und wir beide wissen dass das kein produktives Treffen wird.
00:02:05: Vielleicht ändere ich ein Wort, dann ändere es wieder zurück.
00:02:09: Dann lese ich den letzten Absatz fünfmal und verstehe beim sechsten Mal nicht mehr was Sprache überhaupt ist – sehr fischhorsprechend.
00:02:18: Entschuldigung!
00:02:36: Wobei ich nicht weiß, vielleicht sagt er das.
00:02:40: Vielleicht gibt es morgens Bäcker die vor dem Teig stehen und denken – nein, Klaus heute nicht!
00:02:46: Der Unterschied ist nur, Kreativität funktioniert nicht vollständig auf Knopfdruck.
00:02:52: Natürlich braucht Schreiben Disziplin.
00:02:54: Man kann nicht immer auf den perfekten Moment warten.
00:02:57: Der perfekte Moment existiert bei mir sowieso nicht.
00:03:00: Es wird nie vollkommen ruhig sein.
00:03:03: Niemand würde an die Tür klopfen und sagen, Angie wir haben jetzt alle beschlossen dich für drei Stunden nichts zu brauchen Denn Kaffee bleibt warm und die Wäsche erledigt sich von selbst.
00:03:13: Das wäre kein perfekter Moment.
00:03:14: das wäre Science Fiction.
00:03:16: Man muss sich also manchmal trotzdem hinsetzen auch wenn man müde ist Und auch wenn die erste Seite schwer geht.
00:03:23: oft kommt man irgendwann hinein aber es gibt auch einen Auch einfach die Tage, an denen nichts mehr kommt.
00:03:30: Nicht weil man faul ist sondern bei der Kopf einfach voll ist.
00:03:34: Familie braucht Kapazitäten Sorgen brauchen Kapaziten Gespräche verbrauchen Kapaziteten Selbstschöne Veränderungen verbrauchen Kraft und dann bleibt für eine komplizierte Szene vielleicht nichts mehr übrig.
00:03:49: Ich glaube ich verwechsel Produktivität manchmal mit Identität.
00:03:53: Wenn ich schreibe fühle mich wie einer Autorin.
00:03:56: Wenn ich nicht schreibe, habe ich das Gefühl, Ich würde nur so tun.
00:03:59: Dabei wäre das bei anderen Berufen vollkommen absurd!
00:04:03: Ein Musiker bleibt Musiker auch wenn er heute kein Lied spielt.
00:04:07: Eine Malerin bleibt Malerin auch wenn die Leinwand eine Woche leerbleibt.
00:04:11: Und einer Autorin bleibt Autorinnen Auch wenn sie gerade hauptsächlich Einkaufslisten schreibt Wobei meine Einkaufslisten gelegentlich auch überraschende Wendungen haben Milchbrot Joghurt Irgendwas, das mir gerade erst wieder einfällt wenn ich schon zu Hause bin.
00:04:27: Sehr dramatisch!
00:04:28: Vielleicht liegt das Problem auch daran dass kreatives Arbeiten von außen nur dann sichtbar ist wenn etwas fertig wird?
00:04:36: Ein Buch ein Kapitel einen Beitrag eine Podcast Folge.
00:04:40: Niemand sieht die Stunden in denen man über eine Szene nachdenkt oder ein Problem im Plot löst während man eigentlich kocht Oder eine Idee verwürft oder einfach nur Leben erlebt, das später irgendwo in die Geschichten einfließt.
00:04:56: Ich schreibe vielleicht gerade nicht viel aber ich sammle!
00:05:00: Ich sammne Gefühle, Gespräche...ich beobachte diese merkwürdigen kleinen Momente, die irgendwann eine Figur echter machen.
00:05:09: Das heißt nicht dass jedes privates Erlebnis so vor Buchmaterial wird.
00:05:13: keine Sorge meine Familie muss nicht bei jedem Streit Angst haben im nächsten Roman aufzutauchen Zumindest nicht unter Ihrem echten Namen.
00:05:21: Aber Schreiben entsteht nun mal aus Leben und manchmal braucht es eine Phase, in der man mehr lebt als produziert.
00:05:29: Das klingt irgendwie schön!
00:05:30: In der Realität fühlt sich trotzdem manchmal frustrierend an.
00:05:34: Denn ich mag fertige Dinge – Ich mag das Gefühl ein Kapitel abgestossen zu haben.
00:05:42: Aber wenn Sie steigen, finde ich sie wunderbar.
00:05:45: Wenn Sie tagelang gleich bleiben wirken Sie plötzlich wie ein persönlicher Vorwurf Na Angie!
00:05:51: Heute wieder nichts.
00:05:52: Ich sollte meine Schreibprogramme weniger wertend einstellen Vielleicht mit kleinen motivierenden Nachrichten.
00:05:59: Du hast heute null Wörter geschrieben aber dafür vermutlich drei Menschen versorgt und eine Waschmaschine gerettet.
00:06:05: Das wäre realistischer.
00:06:08: Ich sehe bei anderen Autorinnen was sie schaffen neue Bücher, neue Cover-, neue Veröffentlichungen, Schreibroutinen, zweitausend Wörter vor dem Frühstück und ich denke nur wie?
00:06:20: Ich habe vor den Frühstücken manchmal noch nicht einmal herausgefunden wer ich überhaupt bin.
00:06:25: Aber Vergleiche sind unfair!
00:06:26: Ich sehe ihr Ergebnis, nicht ihren Alltag, nicht ihre Unterstützung oder auch nicht Ihre Belastungen – nicht was sie dafür an anderer Stelle liegen lassen Und Sie sehen wiederum nicht, was bei mir gerade alles passiert.
00:06:39: Vielleicht schaut jemand meine veröffentlichten Bücher an und denkt wie schafft sie das alles?
00:06:45: Die Antwort ist einfach – nicht gleichzeitig!
00:06:48: Und selten elegant….
00:06:50: Es gibt Phasen da schreibe ich sehr viel und dann gibt es Phasend, da geht fast gar nichts.
00:06:55: Dazwischen tue ich meistens so als hätte ich eine ausgewogene
00:06:58: Routine.".
00:07:00: Spoiler Alarm habe ich nicht.
00:07:02: Ich arbeite eher in Wellen, wenn eine Geschichte mich packt bin ich drin dann schreibe ich auch nachts denke morgen morgens weiter rede beim Essen darüber.
00:07:12: Sascha kennt dann Figuren die er nie kennenlernen wollte und weiß plötzlich mehr über meine Welt als manche Testleser.
00:07:19: Und irgendwann ist die Welle vorbei.
00:07:22: Dann brauche ich Abstand oder das Leben fordert ihn einfach ein.
00:07:26: Vielleicht muss sich aufhören diese Pausen als Fehler zu sehen, eine Geschichte wird nicht automatisch besser nur bei jeden Tag daran sitze.
00:07:35: Manchmal braucht ein Kapitel Zeit, manchmal muss eine Idee liegen bleiben.
00:07:40: Manchmal muss ich selbst erst verstehen was ich eigentlich erzählen möchte und manchmal brauche Ich einfach nur Schlaf.
00:07:47: auch Autorinnen bedürfen müde sein.
00:07:50: Das steht bestimmt irgendwo in den Regeln.
00:07:52: Falls es keine Regeln gibt, schreibe ich es hinein.
00:07:55: Trotzdem möchte ich nicht warten bis Motivation zufällig zurück kommt – Ich kenne mich!
00:08:00: Aus einer kurzen Pause kann bei mir auch schnell ein sehr bequemes Weg sehen werden.
00:08:05: Deshalb versuche ich den Kontakt zur Geschichte nicht ganz zu verlieren Nicht mit dem Ziel jeden Tag einen Kapitel zu schaffen sondern mit kleineren Dingen Eine Szene lesen, eine Notiz machen.
00:08:17: Ein Dialog aufschreiben, eine Playlist hören ein Bild anschauen mit Sascha über eine Idee reden obwohl er gerade eigentlich seine Ruhe haben wollte.
00:08:26: also ganz sanfte kreative Pflege damit die Geschichte weiß ich habe dich nicht vergessen.
00:08:33: Ich bin nur gerade langsam und langsam ist erlaubt.
00:08:36: das ist vielleicht der wichtigste Satz in dieser Folge.
00:08:40: Langsam ist erlaubt.
00:08:41: Nicht jeder Autorin muss jedes Jahr mehrere Bücher veröffentlichen, nicht jedes Projekt muss schnell fertig werden.
00:08:48: Nicht jede Pause bedeutet das man aufgibt.
00:08:51: Manchmal schützt Langsamkeit sogar die Geschichte – denn ich möchte nicht einfach Wörter produzieren!
00:08:57: Ich möchte dass sie sich richtig anfühlen, dass der Ton stimmt und meine Figuren nicht klingen wie aus einem schlechten Drehbuch dass der Lesefluss da ist, und wenn mein Kopf gerade keinen Zugang dazu findet bringt es mir nichts tausend Wörter zu erzwingen die ich später komplett löschen werde.
00:09:15: Wobei lösche natürlich auch schreiben ist ein sehr schmerzhafter Teil davon.
00:09:20: Vielleicht hört diese Folge gerade jemand, der ebenfalls ein kreatives Projekt hat das seit Wochen wartet.
00:09:27: Ein Buch, ein Bild, ein Lied etwas Handwerkliches – eine Idee von der man dachte, man wäre längst weiter!
00:09:33: Dann möchte ich euch sagen die Pause nimmt euch nicht eure Identität.
00:09:38: Ihr seid nicht weniger kreativ nur weil gerade nichts Fertiges entsteht.
00:09:43: Ihr habt mich versagt.
00:09:44: Vielleicht ist euer Leben gerade voll, vielleicht ist euher Kopf müde.
00:09:48: Vielleicht braucht das Projekt Abstand und vielleicht braucht ihr einen kleinen freundlichen Schritt zurück – nicht den kompletten Neustart!
00:09:56: Nicht sofort tausend Wörter!
00:09:58: Vielleicht nur einem Satz?
00:10:00: Eine kleine Notiz?
00:10:02: Fünf
00:10:02: Minuten?!
00:10:03: Und falls das auch nicht geht, dann ist es eben so... Morgen gibt es auch noch.
00:10:10: Die Geschichte wartet, meine Figuren tun das zumindest.
00:10:13: Nicht sehr geduldig aber sie warten.
00:10:16: Ellie wird mir vermutlich erklären dass sie seit Wochen in irgendeinem dunklen Raum steht.
00:10:21: Sirius wird behaupten daß er allein sowieso besser zurechtkommt und Annéa hat wahrscheinlich längst einen Nebenplot angefangen von dem ich nichts weiß.
00:10:30: also alles normal Ich bin doch Autoren!
00:10:38: In einer langsamen Phase Und manchmal einer Autorin, die statt eines Kapitels eine Podcastfolge drüber aufnimmt, warum sie kein Kapitel geschrieben hat.
00:10:50: Aber immer noch eine Autoran und vielleicht muss ich das nicht jeden Tag mit deiner Wortzahl beweisen.
00:10:56: Danke dass ihr heute wieder zugehört habt!
00:10:59: Mich würde jetzt interessieren ob ihr dieses Gefühl kennt dass etwas, das ihr liebt gerade warten muss und ihr euch deshalb fragt ob es überhaupt noch zu Euch gehört.
00:11:08: Und jetzt öffne ich vielleicht tatsächlich noch mein Manuskript nur kurz ohne Druck!
00:11:14: Ich möchte nachsehen auf meine Figuren noch mit mir reden – und falls nicht habe ich zumindest schon das Thema für die nächste Folge.
00:11:21: Passt gut auf Euch auf!
00:11:23: Bis zur nächsten Folge von Ausversehen Autorin.